Die Maske der Depression hat viele Gesichter. Und sie ist keinesfalls mehr eine unbedeutende Randerscheinung in der pathologischen Symptomwelt unserer Gesellschaft. Tendenz: Hohe Zuwachsraten. Die Ursachen und auslösenden Faktoren sind so vielfältig , dass eine einfache, sagen wir, technisch saubere Diagnose, und die daraus resultierende Therapie, nur selten möglich ist. Oft sind langwierige Analysen nötig, welche die Geduld und Leidensfähigkeit der Betroffenen auf eine harte Probe stellen. Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht die zahlreichen Therapieformen und ihre mehr oder weniger erfolgreichen Heilungschancen beurteilen.
Depressionen ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft?
Es wird bereits von einer epidemischen Ausbreitung der Depression gesprochen. Eine eventuelle Kausalität zwischen Wohlstandsgesellschaft und Depression scheint mehr als wahrscheinlich zu sein. Was sind also die wahren Ursachen dieser bereits als ,,Volkskrankheit” titulierten Geißel der menschlichen Psyche.? Eine Simplifizierung des Problems ist wenig sinnvoll und auch aufgrund der Komplexität des einzelnen Individiums nicht zielführend.
Warum also ist die Depression vorrangig ein Phänomen der wohlhabenden Länder?
Würde ein Psychotherapeut im tiefsten Afrika verhungern?
Ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich behaupte, dass ein Therapeut klassischer schulmedizinischer Prägung in einem Dritte-Welt-Land nicht zu allzu großem Wohlstand gelangen würde. Er wäre dort weitgehend arbeitslos. Hilfe bei Depressionen wird hier eher seltener nachgefragt.
Aber existiert nun tatsächlich ein Zusammenhang zwischen steigendem Wohlstand bei gleichzeitiger Zunahme an Menschen, die unter einer Depression leiden. Zum weiteren Verständnis möchte ich den Begriff ,,Wohlstandsgesellschaft” einmal näher beleuchten.
Wohlstandgesellschaft steht für Leistungsgesellschaft
Wie bereits erwähnt, ist die Diagnose ,,Depression” auf dem besten (schlechtesten) Weg, sich zu einer etablierten Volkskrankheit zu entwickeln. Über die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen kann man nur spekulieren. Alles hat seinen Preis. Unseren Wohlstand verdanken wir einer hohen Leistungsbereitschaft. Hohe Leistung bedingt ständig hohe Motivation. Es bedeutet aber auch gleichzeitig Druck. Permanenter Druck zieht auf Dauer ein Gefühl der Überforderung nach sich. Angst stellt sich ein, Angst vor dem Versagen, und die Unsicherheit wird zum ständigen Begleiter. Angst wird zu einem dunklen Gespenst. Man(n)/Frau verliert den Boden unter den Füßen.
Lösung als gesellschaftliche Aufgabe?
Lösung ist ein schönes Wort. Hat man etwas gelöst, existiert das Problem nicht mehr. Manchmal, wenn Lösungen nicht auf dem Silbertablett geliefert werden, kann die Akzeptanz des Status quo ein erster Schritt sein. Akzeptanz eines bestehenden Problems muss nicht zwangsläufig Stillstand bedeuten. Die gesellschaftliche Akzeptanz der Massenerscheinung ,,Depression” wäre ein erster Erfolg versprechender Schritt. Heraus aus der Anonymität und der Scham. Es kann jeden treffen und jeder hat das Recht, von dieser Gesellschaft, die ihm häufig so viel abverlangt, aufgefangen zu werden. Respekt und Verständnis könnten ein Allheilmittel sein. Das wäre dann allerdings nicht nur für die Depression ein Lösungsansatz.
W.M.H.




